Zeitschrift für interkulturelle Frauenalltagssforschung 2/1999 (vergriffen)
Dieses Heft ist eine Art Mosaik aus unterschiedlichen Beiträgen
von und über bildende Künstlerinnen bzw. -gruppen in verschiedenen Ländern.
Wir beschränken uns dabei bewußt auf Künstlerinnen aus dem Bereich der Bildenden
Kunst. Beiträge über Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Tänzerinnen usf. hätten
den Rahmen dieses Heftes gesprengt.
Unser Anliegen ist es, einen Eindruck zu geben von Arbeits- und Lebensweisen
der bildenden Künstlerinnen, von den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen
sie arbeiten und leben und von thematischen Schwerpunkten der künstlerischen
Arbeit. Dabei konnten wir sowohl Künstlerinnen als auch Kunsthistorikerinnen
für eine Mitarbeit gewinnen. Die Auswahl erfolgte durch eine Art von internem
Netzwerk, d.h. Künstlerinnen wandten sich an Künstlerinnen und Kunsthistorikerinnen,
die sie kennen und die sie für starke oder interessante Persönlichkeiten halten.
Bei den beiden Texten von Marianne Pitzen zu der Ausstellung ‘Kunst im Kontext
von Politeia’ im Frauenmuseum Bonn und von Barbara Wally zu der Ausstellung
‘Skulptur-Figur-Weiblich’ in Linz, Österreich, geht es grob umrissen um das
Thema Künstlerinnen auf der Suche nach ihrer Geschichte und ihrer kulturellen
und sexuellen Identität. Diese Texte gehen auch auf historische Wurzeln und
Entwicklungen in der Kunst von Frauen, speziell in den westlichen Ländern und
besonders seit den 70er Jahren ein.
Einen weiteren wichtigen Schwerpunkt bildet der Artikel von Rita Schäfer über
Bildhauerinnen in Zimbabwe. Hier beschreibt die Autorin ausführlich den langen
und schwierigen Weg der afrikanischen Künstlerinnen zu besseren Arbeitsmöglichkeiten
und zu Gleichberechtigung.
Auch der Artikel von Norbert Aas über die nigerianische Künstlerin Marcia Kure
befaßt sich mit den sich verändernden Bedingungen für Frauen, in Afrika Kunst
zu machen. Auch thematisiert er die Verbindung von alten afrikanischen Traditionen
und neuen Einflüssen.
Ein großer Teil des Heftes umfaßt Einzelgespräche mit europäischen bzw. in Europa
lebenden Künstlerinnen. An dieser Stelle haben auch zwei der vier Redaktionsfrauen,
die selbst Künstlerinnen und auch die Autorinnen dieses Editorials sind, ihre
eigenen Erfahrungen in einem kurzen Beitrag eingebracht. Gelegentlich benutzten
wir bei den Gesprächen einen Fragenkatalog:
1. Wie sieht dein Alltag aus?
2. Gibt es so etwas wie eine Lebens- oder Arbeitsform als Künstlerin?
3. Kannst du von deiner Kunst leben?
4. Was unterscheidet den Beruf "Künstlerin" von anderen Berufen?
5. Wo liegen die Schwerpunkte deiner künstlerischen Arbeit bzw. was ist dein
letztes Projekt?
Dabei fiel auf, daß viele der Künstlerinnen aus einer „Verinnerlichung der eigenen
Erfahrung“ (Luis Donate) heraus arbeiten, d.h. für sie tritt Leben und Kunst
oft auf vielfältige Weise in Verbindung. Weiter zeigte sich, daß die Künstlerinnen
in Bezug auf Existenzmöglichkeiten ähnliche Probleme haben. In einer Gesellschaft,
die auch den kulturellen Bereich mehr und mehr kommerzialisiert und die auf
Mobilität setzt, kann es tatsächlich 'existenzbedrohend' sein, sich mit einem
Bild, einem Objekt, einer Idee für eine ungebührend lange Zeit zu befassen und
dabei keinen Gewinn zu erwirtschaften. Unsere Gesellschaft versorgt ihre Angestellten,
Beamten, WissenschaftlerInnen und KritikerInnen mit Gehältern, Renten und Pensionen,
aber ihre Künstlerlnnen müssen, wie Gerhard Falkner es über die Dichter schrieb
"für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde" (in:
NN, Kultur, S. 19 vom 4. Mai 1999). Auf die Künstlerinnen bezogen heißt das,
daß auch sie neben ihrer künstlerischen Arbeit in der Regel einem oder mehreren,
der Kunst oft 'fremden' Jobs nachgehen müssen. Von der Kunst langfristig leben
können die wenigsten, auch wenn sie feste Verträge mit Galerien haben. Manchmal
hilft ein Stipendium oder ein Auftrag für ‘Kunst am Bau’. Aber obwohl es inzwischen
auch für bildende KünstlerInnen z.B. bei Perfomances schon häufiger Honorare
gibt, ist die Produktion von Kunst selbst und ihre Präsentation in Ausstellungen
in der Regel nur gefragt als kostenloser Kulturbeitrag ohne Gage. Das betrifft
Männer wie Frauen gleichermaßen. Doch ist es für Frauen immer noch schwieriger,
z.B. an den großen Ausstellungen teilzunehmen, auch wenn sie sich um Öffentlichkeit
bemühen. Jedenfalls sind sie im Kunstbetrieb im allgemeinen nach wie vor unterrepräsentiert.
Einen gesonderten Teil in diesem Heft bildet ein Artikel von Christine Schwab
über Werk und Leben der Künstlerin Gabriele Quasebarth und deren frühen Freitod.
Dieser Tod hat zu einem gewissen Teil auch mit den schwierigen Bedingungen einer
Künstlerinnenexistenz zu tun.
Eine an den Gesprächen in diesem Heft teilnehmende Künstlerin, die in Wien lebende
Ursula Heindl, schrieb in einem an uns gerichteten Brief: "Für mich ist
Kunst zu machen, zu malen, nicht ein Finden von Formen und Farben, es ist vielmehr
ein Einfangen von Kräften, ein Sichtbarmachen von Kraft... Frauen haben in der
Kunst eine Aussage zu machen, und dazu haben sie heute die Möglichkeit..."
Mara Loytved-Hardegg, Elisabeth Bala
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