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Bücher | Zeitschriften | Textauszüge | Rezensionen

Rezensionen

Kenizé Mourad
Der Duft unserer Erde.
Palästinenser und Israelis sprechen über ihr Land.

Ares Verlag, Graz, 2005
336 Seiten

Gegenseitige Missverständnisse und Unrechtserfahrungen prägen das tägliche Leben der Menschen in Palästina und in Israel. Jede neue Gewalttat potenziert Hass und Angst, die auf die junge Generation übergehen. Auf beiden Seiten - und im Programm politischer Extremisten - verhärtet sich die Überzeugung, dass die Absicht des Gegenübers einzig auf Vertreibung, auf Vernichtung ziele.
Jenseits offizieller, politischer Analysen führt Kenizé Mourad Gespräche mit Jugendlichen, Frauen und Männern aus Palästina, aus Israel und spürt deren Lebenswirklichkeiten nach. Netzartig umspannen die Schilderungen Gebiete, in denen der Leserin/dem Leser Lebensumstände aufzeigt werden, wo Demütigungen, Willkürmaßnahmen und Menschenrechtsverletzungen Tagesordnung sind und Grundlagen der persönlichen Erfahrungen:
„‘Sumud‘, das heißt nie aufgeben, sich allem widersetzen. Auch passiver Widerstand, wenn nichts anderes möglich ist. ‚Sumud‘, das ist Geduld.“ – Maha, 18 Jahre, palästinensische Abiturientin, die ihre Prüfungen inmitten der Ausgangssperre ablegen musste.
‚Wissen wollen, wie die Geschichte ausgeht‘, treibt Lea Tsemel, Israelin und Rechtsanwältin der Palästinenser, trotz heftiger Anfeindungen durch Israelis und des eigenen Zweifels, ob ihre Arbeit den Palästinensern etwa falsche Hoffnungen mache: „Vielleicht sollten sie sich lieber mit rechtsextremen Juden auseinandersetzen und sich mit ihnen prügeln, um ihr Leben zu retten...“.
35 Interviews beinhaltet das Buch, samt Chronologie und Auflistung internationaler Verhandlungen. Kenizé Mourad ist Nachfahrin von Murad V., des vorletzten türkischen Sultans. 1939 in Paris geboren, lebt und arbeitet sie dort als Schriftstellerin und Reporterin mit Schwerpunkt Naher Osten und Indien. Vernunft und Dialogbereitschaft auf beiden Seiten, an Stelle von Ideologien, können zu erfolgreichen Friedensbemühungen führen, ist das Hoffnungssignal ihres Buches, verbunden mit dem Appell an die Weltöffentlichkeit, angesichts des drohenden Flächenbrandes, die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes auf einen eigenen Staat nicht länger zu ignorieren.

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Gerhard Glüher (Hsg):
Ulrike Rosenbach
Wege zur Medienkunst 1969-2004

Wienand Verlag, Köln, 2005
240 Seiten, 176 farbige und 145 s/w Abbildungen

Die Sacharoffs

"Zehntausend Jahre habe ich geschlafen und nun bin ich erwacht" - Titel der Video-Live-Aktion der deutschen Multimedia-Künstlerin Ulrike Rosenbach (1976/77). Inmitten eines Salzkreises liegt die Künstlerin auf Moos. Ihr Körper ist, einem Pfeil vergleichbar, eingespannt in einem Bogen. Die 3-stündige Aktion wurde mit einer Videokamera gefilmt, die auf Schienen geführt die Künstlerin automatisch umkreiste.

Ulrike Rosenbach, 1943 in Bad Salzdetfurth/Hildesheim geboren, studierte Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf, u. a. bei Joseph Beuys.
Schon in den frühen 70er Jahren verknüpfte Ulrike Rosenbach ihre Aktionskunst, der eigene Körper als skulpturales System (Body Art) mit Video, dem damals neu aufgekommenen Medium. Zum Zwecke der Selbstbeobachtung von ihr eingesetzt, störte Ulrike Rosenbach bald, dass die Aufnahme durch den "fremden" Blick, der Person hinter der Kamera, bestimmt wurde. Sie befestigte die Videokamera am eigenen Körper, am Bein, an der Hand und erreichte so Videoaufnahmen einer eigenen, künstlerischen Qualität. Auch projizierte sie während der Aktionen Filme, Zeichnungen, Zitate aus kunsthistorischen Epochen, die Klischeevorstellungen weiblicher Rollen zum Inhalt hatten, auf ihren Körper. Zusätzlich gewannen die Apparaturen an Eigenleben und verselbständigten sich zu Videoskulpturen im räumlichen Gefüge.

Als Überblick über das 35-jährige Gesamtwerk Urlike Rosenbachs gedacht, wird die Publikation durch eine kultur- und medientheoretische Analyse des Herausgebers, Gerhard Glüher, eingeleitet. Dem Werkverzeichnis folgen Werkbesprechungen, drei Gespräche mit der Künstlerin, und Beiträge, die Feminismus und Kunst zum Inhalt haben. Im Geleitwort wird betont, dass der künstlerische Wert des Werks von Ulrike Rosenbach oftmals übersehen wurde aufgrund seines gesellschaftspolitisch, feministisch, emanzipatorischen Gehalts, besonders der frühen Aktionen. Ein Grund mehr, für alle an Kunst und Medienkunst interessieren LeserInnen, die auch den Feminismusdiskurs in der Kunst nicht scheuen, diese Publikation nicht zu übersehen.

Ausstellung: Kunsthalle Bremen, 5. April bis 19. Juni 200

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Pauline Bebe
isha
Frau und Judentum - Enzyklopädie

Kovar Verlag, 2004
444 Seiten, ausführliche Bibliographie

Die Sacharoffs

Nach dem Abschluss ihres Studiums am Leo Baeck College in London wurde die Autorin Pauline Bebe 1990, im Alter von 26 Jahren, als erste Rabbinerin Frankreichs ordiniert. Seither ist sie als Gemeinderabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde "Communauté juive liberale" in Paris tätig.
"Als Frau geboren, zur Rabbinerin geworden", musste sie zunächst beweisen, dass sie dieser Aufgabe genauso gut gewachsen war wie ein Mann. Zunehmend gewährte ihr das Rabbinat Zeit zu Fragestellungen, die die Rolle der Frau und ihre sexuelle Identität im Judentum zum Inhalt hatten.
In enzyklopädischer Form sind in diesem Buch Beiträge gesammelt zu den großen Frauengestalten aus Bibel und Talmud und zu weiblichen Lebensthemen wie Ehe, Scheidung, Abtreibung, Empfängnisverhütung, etc., ergänzt mit Quellenverweisen. Dazu zwei Zitatauszüge als Beispiele:
Lesbische Beziehungen - "Und bei einem Manne sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt. Ein Gräuel ist das." (Levitikus 18:22)
Stimme der Frau / Kol be'Ischa Erva - "Wenn Männer singen und Frauen einstimmen, so ist dies schon eine Ausgelassenheit, wenn aber Frauen singen und Männer einstimmen, so ist dies wie Feuer im Werg." (Talmud, Sota 48a)
Die zum Teil Jahrtausende alten religiösen und rituellen Vorschriften unterzog die Autorin aufgeklärt und kenntnisreich einem neuen, radikal kritischen Denkansatz. Mit Nachdruck verweist sie aber auch darauf, dass die Einbindung der Tradition zur Lebenswirklichkeit einer modernen Gesellschaft und eines toleranten Judentums eine wesentliche Voraussetzung ist.
Ein flüssig zu lesendes Standardwerk zu etwa 100 lexikalisch geordneten Themenkomplexen.

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Frank-Manuel Peter und Rainer Stamm (Hsg):
Die Sacharoffs.
Zwei Tänzer aus dem Umkreis des Blauen Reiters

Wienand Verlag, Köln, 2002,
deutsch / englisch,
272 S., 75 farbige und 242 Duoton Abb.

Die Sacharoffs

Beim flüchtigen Durchblätten des Buches entsteht, im Gegensatz zu seinem Untertitel, zunächst der Eindruck, es handle sich bei den abgebildeten Personen um zwei Tänzerinnen. Alexander Sacharoff, exaltiert und androgyn, war der erste auf Konzertpodien solistisch auftretende männliche Tänzer. Anmut und Natürlichkeit hingegen bestimmen den tänzerischen Ausdruck seiner Frau Clotilde Sacharoff, die bis zu ihrer Heirat unter dem Künstlernamen Clotilde von Derp bekannt war. Sie galt als eine Tänzerin von "unübertroffener Eigenart" (Münchner Neueste Nachrichten, 1912). "Zweifellos sind sie für mich die erste Tänzerin Deutschlands”, schrieb ihr der Bildhauer Georg Kolbe 1916.

Alexander Sacharoff und Clotilde von Derp heirateten 1919 aus Anlass einer bevorstehenden Amerika-Tournee - Marianne von Werefkin war Trauzeugin. Am Münchner Presseball, 1913, begegnete sich das Paar das erst Mal und trug fortan durch gemeinsam gestaltete Programme zur tanzreformatorischen Bewegung bei.

Die Schwabinger Kunstszene war Anziehungspunkt für Künstler und Künstlerinnen aus In- und Ausland.
Alexander Sacharoff, 1886 in Mariupol/Ukraine geboren, studierte Malerei ab 1903 in Paris und wechselte 1905 nach München. Dort vollzog sich nach und nach sein Schritt vom Bildenden Künstler zum Tänzer. Eng befreundet mit russischen Künstlerkollegen wie Jawlensky, Kandinsky, Hartmann trat er 1909 der Neuen Künstlervereinigung München bei, aus der der "Blaue Reiter" hervorging.

Clotilde von Derp, 1892 als Clotilde Edle von der Planitz in Berlin geboren, zog 1900, aufgrund der Trennung ihrer Eltern, mit Mutter und Schwester nach München. Dort erzielte die Mutter in neu-schwabinger Lebensform ihr finanzielles Einkommen mittels eines Musikinstitut für Kinder. Clotilde, musisch erzogen, mit Vorliebe für Musik und Tanz, trat seit 1909 öffentlich bei Tanzveranstaltungen auf. Im Münchner Kunstkreis aufgewachsen, war sie Model für Bildhauer, Maler und Fotografen.

Dank der Recherchen der beiden Herausgeber entstand zu gleichnamiger Ausstellung das bemerkenswert schöne Begleitbuch. Zahlreiche Dokumente, Fotos und Kunstwerke aus der persönlichen Sammlung der Sacharoffs belegen nicht nur die tanzhistorische Bedeutung des Paares, sie spiegeln auch eine Zeit wieder, in der befreundete Künstler in München-Schwabing an der Verschmelzung künstlerischer Disziplinen experimentierten und von dort aus in die Welt ausstrahlten.

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