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"Um den Kopf herum" - Diskurse um die Bedeutung des Kopftuchs

Veröffentlicht am 15.07.2022

2021: Bundestagswahl in der BRD: Eine 21-jährige Muslima wollte das erste Mal in der Kreisstadt Bergheim in Nordrhein-Westfalen ihre Stimme abgeben. Doch sie wurde abgewiesen weil sie ein Kopftuch trug. Erst nachdem sie bei der Stadtverwaltung nachgefragt und diese beim Wahlvorstand intervenierte, durfte sie wählen. "Zwei Wahlhelfer sagten mir zunächst, dass ich mein Kopftuch abnehmen müsse."

 

Nur ein Stückchen Stoff - verarbeitet zu Schleier, Kopftuch oder Haube - und doch seit Jahrtausenden Anlass für Ge-und Verbote, Diskriminierungen, sexuelle Männerphantasien, Unterdrückung - aber auch Widerstand - von Frauen. Es gibt wenige Kleidungsstücke, die so kontrovers diskutiert werden wie dieses Stückchen Stoff, mit dem sich Frauen bedecken sollen, bedecken wollen, oder eben nicht ...
Das Kopftuch  ist in vielen Regionen der Welt ein Stück Alltagskultur, ein Gegenstand der Volkskunst, liebevoll verziert und oft aufwändig hergestellt. Es verbindet Frauen, die es tragen, unabhängig von ihrer kulturellen Zugehörigkeit. Und es ist ein Kleidungsstück, das Frauen aus den verschiedensten Gründen lieb ist - jenseits von Ideologie, Religion oder patriarchalen Strukturen.
Die Ausstellung über das Kopftuch mischt sich ein in den herrschenden Diskurs, der durch die Stilisierung eines Symbols Herrschaftsverhältnisse verschleiert.

 

Unterdrückung von Rechten und der Würde von Frauen gehören nicht der Vergangenheit an, sondern tauchen in alten und neuen Formen immer wieder auf.

 

Wächter der "öffentlichen Moral" in Frankreich und im Iran
© Khartoon KhalidAlbai: https://www.facebook.com/KhalidAlbaih/

 

Die Absurdität und Brutalität der Durchsetzung von Kleidervorschriften zeigt ein Vorfall, der sich 2016 an einem Strand in Nizza, Frankreich, ereignete: Das Bedecken - beispielsweise im Iran - oder Nichtbedecken - wie hier in Frankreich wird gewaltsam erzwungen. Männliche Polizisten zwangen eine Frau, ihren Burkini, einen Ganzkörperbadeanzug, der auch Kopf und Hals bedeckt, auszuziehen. Frauen im Iran hingegen werden von "Wächtern der öffentlichen Moral" gezwungen, den Kopf und Hals zu bedecken. Und wenn sie um ihre Rechte der Selbstbestimmung kämpfen, werden sie schwerster Folter und Haft ausgesetzt, wie der in der Ausstellung dokumentierte Fall der Menschenrechtsanwältin Nasrin Soutudeh zeigt.

  Nils Metzger:  Die Stadt Bergheim bestätigte den Vorfall am Dienstag in einer Pressemitteilung und entschuldigte sich. Der Bürgermeister sprach von einer "außerordentlichen Fehleinschätzung". Bei künftigen Wahlen sollten Helfer intensiver geschult werden, kündigte die Stadt an. https://www.zdf.de/nachrichten/politik/bundestagswahl-kopftuch-diskriminierung-100.html [8.1.2022]
  Wir verwenden den Begriff Kopftuch, da er in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion am häufigsten verwendet wird. Im konkreten Kontext der Ausstellung verwenden wir jedoch auch Schleier oder Haube, Begriffe , die vor allem in historischem Kontext verwendet werden. Schleier und Verschleierung werden im internationalen Diskurs häufig als Oberbegriffe für alle Verhüllungen verwendet. Im Diskurs um islamische Bekleidungsvorschriften werden häufig die Begriffe Hijab, Burka, çarşaf, Tschador, die jeweils regionale Bekleidungen und teilweise Ganzkörperbedeckungen bezeichnen, verwendet.

 

Die iranische Menschenrechtsanwältin Nasrin Soutudeh wurde gefoltert und zu langjähriger Haftstrafe verurteilt, weil sie Frauen vor Gericht verteidigte, die kein Kopftuch trugen.

 

Die Ausstellung nimmt eindeutig Stellung gegen jeglichen Zwang der auf Frauen ausgeübt wird sich bedecken zu müssen oder sich nicht bedecken zu dürfen. Dabei verfolgt sie den Ansatz einer historischen Analyse patriarchaler Kulturen und der vielfältigen Gegenstrategien von Frauen, betrachtet deren ästhetische und kulturelle Vorstellungen über das Tragen oder Nichttragen jeglicher Art von Schleiern und kontrastiert diese mit historischen und aktuellen politischen Diskursen.
Die Ausstellung wurde auch als ein Raum für den Dialog von Frauen geschaffen, die sich aus den unterschiedlichsten individuellen Gründen verschleiern oder nicht verschleiern wollen. Sie greift die individuellen, persönlichen, religiösen oder politischen Gründe auf und argumentiert, warum die Gründe der Frauen - auf allen Seiten - akzeptiert und ernst genommen werden müssen.
Fragen, die wir uns stellen, sind: Was  blockiert den Blick auf andere Frauen? Das Kopftuch, der Schleier oder die vorgefassten Bilder in unserem Kopf? Bilder sind nicht unvoreingenommen. Ständig füllen wir neue, unbekannte oder überraschende Bilder mit Interpretationen. Was können wir sehen, was wollen wir sehen? Können wir tief verwurzelte Denkmuster beiseite schieben, wenn wir andere betrachten?
Mit dem Dialog über dieses Stück Stoff kann das Bewusstsein beginnen, sich zu entschleiern.
In fünf "Kapiteln" wird das Kopftuch in seinen sozialhistorischen Wandlungen betrachtet: Zentral ist das Kapitel Mein Kopftuch, in dem Frauen aus ihrer eigenen Perspektive ihren Bezug zum Kopftuch darstellen. In kleinen ethnographischen Szenen werden im Kapitel Kopftuchkulturen traditionelle Bedeckungen und ihre Bedeutungen für Frauen lebendig. Druck- und Färbeververfahren zur Herstellung der Tücher und Handarbeitskünste werden im Kapitel Textile Techniken gezeigt. Das Kopftuch unterliegt sozialhistorischen Wandlungen jedoch nicht nur in traditionell ländlichen Bezügen, sondern auch in der Mode. Das Kapitel Bedecken - Nicht bedecken schließlich beschäftigt sich mit den Zwängen die auf Frauen aus politischen, religiösen und ideologischen Gründen ausgeübt werden.

 

Fotos und Text: © Frauen in der Einen Welt e.V.

© Dieser Artikel (mit Fortsetzung in den folgenden acht blogs) wurde für den Ausstellungskatalog in Novi Sad geschrieben und dort in serbischer Sprache veröffentlicht.
Lisl Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević Šević, Oko glave: Različiti diskursi marate kao kulturnog označitelja, Marama kao kulturni označitelj, Katalog der Ausstellung, Novi Sad 2022.

Ausstellungskonzept Novi Sad 2022
"Um den Kopf herum" Elisabeth Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević-Šević, mit einem Beitrag von Lale Yalçın-Heckmann
Diese Ausstellung basiert auf den Ausstellungen von Frauen in der Einen Welt:
Das Kopftuch. Nur ein Stückchen Stoff in Geschichte und Gegenwart 1986 und Kopftuchkulturen 2006 (Meral Akkent, Elisabeth Bala, Gaby Franger, Marie Lorbeer)

mehr im blog "Ausstellung Novi Sad Mai/Juni 2022"

 

Links zu Artikeln über die Ausstellung in serbischen Medien, z.B.:
http://www.seecult.org/vest/marama-kao-kulturni-oznacitelj