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"Um den Kopf herum" - Bedecken - Nicht Bedecken. Konstrukte der Weiblichkeit

Veröffentlicht am 24.09.2022

Jedes Mannes Haupt ist Christus, das Haupt der Frau aber ist der Mann [...] Zwar darf der Mann seinen Kopf nicht verhüllen, denn er ist Abbild und Abglanz Gottes; die Frau aber ist Abglanz des Mannes... 1. Brief an die Korinther des Apostel Paulus

Paulus war aus seiner Heimat Taurus in Anatolien, einer Stadt, die tausend Jahre nach ihm türkisch wurde, und durch seine jüdische Herkunft gewohnt, dass Frauen den Schleier trugen. Es befremdete ihn, dass die neubekehrten Frauen aus Korinth dies nicht mal im Gottesdienst taten.

So, wie es bis heute unterschiedliche Interpretationen über zwingende Gebote in den heiligen Büchern oder Auslegungen in der jüdischen und christlichen Religion gibt, gilt dies ähnlich für den Islam. Die Interpretationen darüber, ob der Koran eine Bedeckung zwingend vorschreibe oder nicht, gehen weit auseinander.

Der weibliche Körper und die gesellschaftlichen Konstrukte von Weiblichkeit standen schon immer an der Spitze patriarchaler Strukturen, um Frauen aller Klassen und Gesellschaften zu unterdrücken - bis heute.

 

Mahshad Afshar: Cursed Seal, 2018

 

Dies zeigen zwei Fotomontagen von Mahsad Afshar, einer iranischen Künstlerin im Exil.
Im Hintergrund der Frau im schwarzen Tscharschaf sind religiöse und klassische Manuskripte. Einige Texte stammen aus der Surah Al-Nesa des Quran, in der die Rechte von Frauen in islamischen Ländern definiert werden. Andere Texte stammen aus Alfiyah und Shalfiyah, einem historischen illustrierten Buch, das als persisches Kama-Sutra bekannt ist und verschiedene Positionen während des Geschlechtsverkehrs darstellt.

Gemeinsam ist diesen Bildern mit seinen unterschiedlichen Geboten aus verschiedenen historischen Epochen jedoch immer, dass die Verfügung über den Körper der Frau verfügt, kontrolliert und reguliert wird.

In Mitteleuropa war die wichtigste mittelalterliche Kopfbedeckung für verheiratete Frauen das "Gebende", ein Streifen Stoff, der das Gesicht eng umrahmte. Wie später die Haube war es ein Zeichen der Demut vor Gott und dem Ehemann.

Doch zuviel Bedeckung war dann doch nicht gewollt. So zog im 15.,16. und 17. Jh. das Nürnberger Regentuch den Zorn der Männer auf sich. Der „Ehrbare Rat“ der Stadt unterstellte den Frauen unmoralische Absichten und wollte diese Mode immer wieder unterbinden. Er erließ in diesem langen Zeitraum drei Verordnungen, die Regentücher abzulegen, die es den Frauen ermöglichten, sich unerkannt auf offener Straße bewegen zu können.

War das Misstrauen berechtigt? Beschreibungen von Lady Montagu, der Frau des englischen Botschafters in Konstantinopel im 18. Jahrhundert, deuten darauf hin. Sie schrieb an ihre Freunde, dass die osmanischen Frauen eigentlich die freiesten Frauen seien, sie könnten tun, was sie wollten, denn weder ihr Mann noch ihr Liebhaber könnten sie unter dem Schleier kontrollieren.

 

Mädchen im Regentuch
Johann Kramer: Nürnbergische Kleider-Arten. Kleider Ordnung. Nürnberg 1669. Germanisches Nationalmuseum

 

Frau Erber 1985 mit dem Regentuch wie es in der Fränkischen Tracht getragen wurde.

 

Im traditionellen Judentum müssen die Frauen nach der Heirat ihr Haar verhüllen. Aus dieser Tradition heraus entstand das zeremonielle Abschneiden der Haare der Braut, die dann vor der Hochzeit feierlich eine Perücke aufsetzte. Die Perücke, oder "sheitel", war das Erkennungszeichen einer verheirateten Frau, vor allem in den jüdischen Gemeinden Mittel- und Osteuropas. Heute kann es sich um eine Mütze, einen Hut, eine Perücke oder ein Kopftuch handeln.

 

siehe: Lady Mary Montagues Reiseberichte, übersetzt von Max Bauer, Berlin-Leipzig 1907

Frauen an der Klagemauer Jerusalem 1991© Gaby Franger

 

In aktuellen europäischen Diskussionen über das Kopftuch ist eine starke Tendenz festzustellen, Genderaspekte zu instrumentalisieren, um das Kopftuch für die Unterdrückung muslimischer Mädchen und Frauen verantwortlich zu machen und es als Beweis für die anti-egalitäre Ausrichtung des Islam im Allgemeinen zu sehen. Diese Interpretation wird sowohl in konservativen Doppelmoral als auch in radikalfeministischer, anti-islamischer Weise verwendet.

 

Fotos und Text: © Frauen in der Einen Welt e.V.

© Dieser Artikel (mit Fortsetzung in den folgenden blogs) wurde für den Ausstellungskatalog in Novi Sad geschrieben und dort in serbischer Sprache veröffentlicht.
Lisl Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević Šević, Oko glave: Različiti diskursi marate kao kulturnog označitelja, Marama kao kulturni označitelj, Katalog der Ausstellung, Novi Sad 2022.

[Diskurse um die Bedeutung des Kopftuchs]  [Mein Kopftuch]  [Kopftuchkulturen]  [TEXTILE TECHNIKEN] [Die Kunst der Frauen]  [Sticken für die fränkische Tracht]  [Das Kopftuch in der Mode]  [Bedecken - Nicht Bedecken. Konstrukte der Weiblichkeit]  [Resümee]

Ausstellungskonzept Novi Sad 2022
"Um den Kopf herum" Elisabeth Bala, Gaby Franger, Tijana Jakovljević-Šević, mit einem Beitrag von Lale Yalçın-Heckmann
Diese Ausstellung basiert auf den Ausstellungen von Frauen in der Einen Welt:
Das Kopftuch. Nur ein Stückchen Stoff in Geschichte und Gegenwart 1986 und Kopftuchkulturen 2006 (Meral Akkent, Elisabeth Bala, Gaby Franger, Marie Lorbeer)

mehr im blog "Ausstellung Novi Sad Mai/Juni 2022"

 

weiter zur Ausstellung 2006 "Kopftuchkulturen"